Euro NCAP verschärft Crashtest-Kriterien: Touchscreens können zur Abwertung führen

Die europäische Prüforganisation Euro NCAP führt eine umfassende Reform ihrer Bewertungskriterien durch. Fahrzeuge mit reiner Touchscreen-Bedienung und schwachen Assistenzsystemen könnten schlechter abschneiden.

Euro NCAP verschärft Crashtest-Kriterien: Touchscreens können zur Abwertung führen

Grundlegende Änderungen im Bewertungssystem

Die europäische Fahrzeugsicherheitsorganisation Euro NCAP plant die größte Überarbeitung ihrer Bewertungskriterien seit Einführung der Gesamtbewertung. Die neuen Regeln gliedern sich in vier Hauptbereiche: sicheres Fahren, Unfallvermeidung, Crash-Schutz und Sicherheit nach dem Unfall. Jeder Bereich kann mit maximal 100 Punkten bewertet werden. Für die begehrten fünf Sterne müssen Fahrzeuge in allen vier Kategorien definierte Mindestwerte erreichen.

Besonders betroffen von den Neuerungen sind Fahrzeuge, die ausschließlich über Touchscreens gesteuert werden. Die Prüforganisation, zu deren Mitgliedern unter anderem der ADAC gehört, reagiert damit auf die zunehmende Digitalisierung im Fahrzeuginnenraum. Sicherheitsrelevante Funktionen sollen nach den neuen Vorgaben auch über klassische Bedienelemente verfügbar sein, um Ablenkung durch verschachtelte Menüstrukturen zu vermeiden.

Praxistests statt reiner Laborprüfung

Ein wesentlicher Unterschied zur bisherigen Praxis liegt in der Prüfung von Assistenzsystemen. Diese werden nicht mehr ausschließlich auf dem Testgelände bewertet, sondern auch im realen Straßenverkehr getestet. Dabei steht nicht nur die technische Funktionsfähigkeit im Fokus, sondern auch die Bedienbarkeit und das Verhalten der Systeme im Alltag.

Systeme, die durch übermäßige oder unvorhersehbare Warnungen auffallen, werden abgewertet. Diese Maßnahme soll sicherstellen, dass Assistenzsysteme die Fahrer tatsächlich unterstützen und nicht durch häufige Fehlalarme zur Ablenkung oder Deaktivierung verleiten. Die praktische Nutzbarkeit wird damit zum wichtigen Bewertungskriterium.

Erweiterte Unfallszenarien und besserer Insassenschutz

In der Kategorie Unfallvermeidung berücksichtigt Euro NCAP deutlich mehr Verkehrssituationen. Besonders Begegnungen mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern, Radfahrern und Motorradfahrern im städtischen Umfeld spielen eine größere Rolle. Neu hinzu kommt die Bewertung von Systemen, die Bedienfehler erkennen können, etwa wenn das Gaspedal versehentlich statt der Bremse betätigt wird.

Beim Crash-Schutz selbst setzt die Organisation auf eine vielfältigere Dummy-Auswahl. Unterschiedliche Körpergrößen vom Kind bis zum großgewachsenen Erwachsenen werden berücksichtigt, um ein realistischeres Bild der Schutzwirkung zu erhalten. Zudem erhält der Fußgängerschutz im Bereich der Windschutzscheibe eine höhere Gewichtung in der Gesamtbewertung.

Besondere Anforderungen für Elektrofahrzeuge

Mit der zunehmenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen führt Euro NCAP eine neue Bewertungskategorie ein: die Sicherheit nach dem Unfall. Diese ist besonders für E-Autos relevant und umfasst mehrere Aspekte:

  • Funktionsfähigkeit elektrischer Türgriffe nach einem Unfall
  • Sichere Abschaltung der Hochvoltbatterie
  • Warnung vor möglichen Batteriebränden auch während des Ladevorgangs
  • Übermittlung der genauen Insassenzahl durch das Notrufsystem

Diese Anforderungen reagieren auf Vorfälle, bei denen elektrische Türverriegelungen nach Unfällen nicht mehr funktionierten und Insassen nicht rechtzeitig das Fahrzeug verlassen konnten. Die neue Kategorie soll sicherstellen, dass Elektrofahrzeuge auch im Notfall zuverlässige Rettungsmöglichkeiten bieten.

Bedeutung für Autokäufer und Hersteller

Obwohl die Crashtests von Euro NCAP keine rechtlichen Konsequenzen nach sich ziehen, haben sie erheblichen Einfluss auf die Kaufentscheidung von Verbrauchern und die Entwicklungsarbeit der Hersteller. Ein schlechtes Abschneiden im Test kann das Image eines Fahrzeugs nachhaltig beschädigen.

Durch die neuen Kriterien wird das Bewertungssystem transparenter und umfassender. Allerdings könnten Fahrzeugmodelle ohne regelmäßige Software-Updates und technische Weiterentwicklung im neuen Schema an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Für Autokäufer bedeuten die verschärften Kriterien letztlich mehr Sicherheit und eine bessere Vergleichbarkeit verschiedener Modelle hinsichtlich ihrer Alltagstauglichkeit und Schutzwirkung.

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