Euro NCAP führt umfassendes neues Bewertungssystem für Fahrzeugsicherheit ein
Die europäische Prüforganisation Euro NCAP hat ihre Sicherheitsbewertung grundlegend überarbeitet. Neben klassischen Crashtests spielen nun auch Assistenzsysteme, Bedienkonzepte und Verhalten nach Unfällen eine zentrale Rolle.

Weitreichendste Reform seit über einem Jahrzehnt
Die europäische Prüforganisation Euro NCAP hat ihr Bewertungssystem für die Sicherheitsprüfung von Fahrzeugen umfassend modernisiert. Diese Neuausrichtung stellt die weitreichendste Reform der Test- und Bewertungsverfahren seit mehr als zehn Jahren dar. Der Fokus liegt nicht mehr ausschließlich auf klassischen Crashversuchen, sondern auf einer ganzheitlichen Betrachtung der Fahrzeugsicherheit. Damit reagiert die Organisation auf die zunehmende Bedeutung digitaler Technologien, Assistenzsysteme und alternativer Antriebsformen im modernen Automobilbau.
Die Neuausrichtung berücksichtigt verschiedene Aspekte, die über die reine Unfallsicherheit hinausgehen. Bewertet wird beispielsweise, wie effektiv Fahrerassistenzsysteme den Menschen unterstützen und wie zuverlässig Tempolimits erkannt werden. Auch die Bedienbarkeit spielt eine wichtige Rolle: Die Prüfer achten darauf, ob zentrale Funktionen weiterhin über physische Schalter erreichbar sind oder ob eine übermäßige Konzentration auf Touchscreen-Bedienung vorliegt. Bei Elektrofahrzeugen fließt zudem die sichere Abschaltung des Hochvoltsystems in die Bewertung ein.
Vier Bewertungskategorien im Detail
Das neue Bewertungssystem gliedert sich in vier Hauptkategorien, die unterschiedliche Sicherheitsaspekte abdecken. Diese Struktur ermöglicht eine differenzierte Betrachtung der Fahrzeugsicherheit:
- Sicheres Fahren: Bewertung von Fahrerüberwachung, Bedienkonzept und unterstützenden Systemen
- Unfallvermeidung: Leistung von Notbrems-, Spurhalte- und anderen Assistenzsystemen
- Crashschutz: Klassische Crashtest-Ergebnisse und Karosseriestruktur
- Sicherheit nach dem Unfall: Unterstützung von Rettungskräften und Hochvolt-Abschaltung
Diese Kategorien spiegeln die veränderten Anforderungen an moderne Fahrzeuge wider. Während der physische Schutz bei einem Unfall nach wie vor wichtig bleibt, gewinnen präventive Sicherheitssysteme und die Unterstützung nach einem Unfall zunehmend an Bedeutung.
Erste Modelle meistern neue Anforderungen
Trotz der deutlich verschärften Anforderungen gelang es ersten Fahrzeugen, die Höchstwertung von fünf Sternen zu erreichen. Der BMW iX3 50 xDrive erzielte in den vier Kategorien Werte von 73 Prozent beim sicheren Fahren, 83 Prozent bei der Unfallvermeidung, 86 Prozent beim Crashschutz und 95 Prozent bei der Sicherheit nach dem Unfall. Besonders positiv bewerteten die Prüfer die weiterhin vorhandenen physischen Bedienelemente für wichtige Funktionen sowie die Notbrems- und Spurhaltesysteme.
Beim Fahrer-Monitoring zeigte das Fahrzeug Stärken bei der Müdigkeitserkennung, während kurze visuelle Ablenkungen weniger zuverlässig erfasst wurden. Diese differenzierte Betrachtung zeigt, dass selbst bei Fahrzeugen mit Höchstwertung noch Optimierungspotenzial besteht.
Unterschiedliche Stärken und Schwächen
Der chinesische Zeekr 7GT Privilege AWD erreichte in allen Kategorien noch höhere Werte als das BMW-Modell. Mit 79 Prozent beim sicheren Fahren, 89 Prozent bei der Unfallvermeidung, 93 Prozent beim Crashschutz und ebenfalls 95 Prozent bei der Sicherheit nach dem Unfall setzte das Fahrzeug neue Maßstäbe. Besonders überzeugen konnten die Fahrerüberwachung, die automatische Notbremse und die Karosseriestruktur.
Allerdings musste auch dieses Modell Abzüge hinnehmen: Die starke Konzentration vieler Funktionen auf den zentralen Touchscreen wurde kritisch bewertet. Dies unterstreicht die Bedeutung, die Euro NCAP einer intuitiven und sicheren Bedienung beimisst. Während der Fahrt sollten wichtige Funktionen schnell und ohne lange Blicke auf den Bildschirm erreichbar sein.
Bedeutung für Fahrzeughersteller und Verbraucher
Die neuen Bewertungskriterien setzen Fahrzeughersteller unter Druck, ihre Entwicklungsstrategien anzupassen. Reine Crashtest-Optimierung reicht nicht mehr aus, um Höchstwertungen zu erreichen. Stattdessen müssen Hersteller ein ausgewogenes Gesamtkonzept vorlegen, das moderne Assistenzsysteme, durchdachte Bedienkonzepte und umfassende Sicherheitsmaßnahmen vereint. Für Verbraucher bietet das neue System eine bessere Orientierung, da es die Realität moderner Fahrzeuge umfassender abbildet als bisherige Bewertungsverfahren.
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